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Warum Anfangen das Ende guter Prosa ist

Und warum du deine Leser:innen nicht hinhalten solltest

Du kennst das: du schreibst eine Szene, es wird spannend, dein Protagonist steht am Abgrund – und dann passiert Folgendes:

 

  • Er begann zu laufen.
  • Sie fing an zu schreien.
  • Die Tür schien sich zu öffnen.

 

Und ich so:

Ja, und? Dann tu es doch endlich!

 

Warum soll ich als Leser in der Warteschleife hängen, wenn ich doch eigentlich Action will?

Das Problem mit dem Anfangen

„Anfangen zu“ oder „beginnen zu“ ist wie ein unentschlossener erster Kuss – du bist fast drin, aber irgendwie auch nicht. Es beschreibt den Moment vor der eigentlichen Handlung. Und genau da liegt der Hund begraben.

 

Denn: Du gibst mir nicht die Handlung – du gibst mir das Vorspiel. Ich lese von der Absicht zur Bewegung, nicht von der Bewegung selbst. Klingt harmlos, ist aber ein subtiler Spannungsdämpfer. Statt „Show, don’t tell“ machst du „Tease, don’t deliver“.

 

Beispiele gefällig? Bitte sehr:

 

  • Er begann zu sprechen.

vs.

  • Er sagte: „Du bist spät.“

 

 

Was knallt mehr? Genau. Der zweite Satz. Der erste ist wie ein lauwarmer Teebeutel: Geschmack vorhanden, aber der Kick fehlt.

Rückblickend besonders schmerzhaft

Gerade in Rückblenden tappen viele in diese „Anfangs“-Falle. Da liest man dann sowas wie:

 

  • Damals, an jenem Abend, hatte er begonnen zu verstehen, dass…

 

Und hier wird’s richtig bitter: Du nimmst ein emotional aufgeladenes, erzählerisch starkes Verb („verstehen“) – und schiebst es auf die Ersatzbank. In der Satz-Hierarchie macht sich das schwache, generische „beginnen“ fett und bequem auf der Verb-Spitzenposition breit – während das starke Verb hinten im Nebensatz versauert.

 

Merke:

 

🧠 Im Deutschen steht das Verb am Ende – außer es darf mal in den Hauptsatzthron steigen. Und genau DA gehört das starke Verb hin!

 

  • Er verstand an jenem Abend, dass…

Boom. Direkt. Klar. Emotional geladen. Keine Anlaufzeit. Kein Geplänkel.

Wenn sich zwei Verben streiten - verliert die Spannung

„Anfangen zu“ produziert ein seltsames Phänomen: Zwei Verben in einem Satz – und das schwächere bekommt die Machtposition.

 

  • Sie begann zu zittern.

Was ist hier das eigentlich interessante Verb? Genau: „zittern“. Das ist konkret, körperlich, emotional.

Aber wer steht prominent im Satz? Das blasse „begann“. Der Gimpf in der Hauptrolle.

 

 

Das ist, als würdest du ein Actionmovie drehen – und dem Catering-Team die Hauptrolle geben. (Nichts gegen gutes Essen, aber come on.)

Warum wir´s trotzdem reinschreiben

 

Weil’s sich klug anhört. So ein bisschen wie Literatur. Weil wir denken: „Ich will ja den Übergang zeigen, den Moment, in dem was losgeht.“ Verständlich. Aber: Du schreibst keine wissenschaftliche Abhandlung über die Phasen motorischer Aktivität. Du willst Leserinnen packen. Und die wollen nicht zugucken, wie jemand „anfängt zu laufen“. Die wollen sehen, wie jemand rennt, stolpert, aufspringt, rennt wie bescheuert – jetzt!

Noch mehr Spannungs-Bremsen

 

Neben „anfangen zu“ und „beginnen zu“ gibt’s noch ein paar andere Halbstarke, die sich wie Actionhelden aufführen, aber in Wahrheit bloß Moderatoren sind, die die echte Handlung ansagen.

 

Hier ein paar besonders gefährliche Kandidaten:

 


 

1. „dabei sein, etwas zu tun“

 

  • Er war gerade dabei, die Tür zu schließen…

Ja super. Ist er’s oder ist er’s nicht?

 

👉 Kill it! Schreib: Er schloss die Tür.

 


 

2. „sich anschicken, etwas zu tun“

  •  Sie schickte sich an, etwas zu sagen…

Klingt nach 19. Jahrhundert. Ist aber auch heute noch ein peinlich eleganter Weg, NICHTS zu erzählen.

 

👉 Besser: Sie öffnete den Mund. Oder: Sie sagte: …

 


 

3. „sich entschließen / entscheiden, etwas zu tun“

 

  • Er entschloss sich, das Haus zu verlassen.

Na danke für die Info. Aber was ist mit dem Moment, wo er geht? Den will ich sehen!

 

👉 Kürzer, direkter: Er ging.

 

Willst du den Entscheidungsprozess zeigen? Dann zeig ihn mit innerem Konflikt, nicht mit einem Verwaltungswort.

 


 

4. „versuchen, etwas zu tun“

 

  • Sie versuchte zu schreien.

Willst du mir sagen, es kam kein Ton raus? Oder war sie nur halbherzig dabei?

 

👉 Wenn’s nicht klappt, beschreib wie es scheitert: Sie öffnete den Mund, aber kein Ton kam heraus.

 

„Versuchen“ ist oft ein Ausweichmanöver für nicht klar durchdachte Szenen.

 


 

5. „sich bemühen, etwas zu tun“

  •  Er bemühte sich, freundlich zu bleiben.

Ja, aber ist er’s denn nun? Oder rastet er aus? Oder bebt nur die Faust in seiner Tasche?

 

👉 Zeig den inneren Kampf. Lass ihn den Kiefer zusammenpressen. Die Hände verkrampfen. Aber sag nicht einfach „er bemühte sich“.

 


 

6. „drohen, etwas zu tun“

 

  • Es drohte zu regnen.

Oh bitte. Entweder es regnet – oder es regnet nicht.

 

👉 Lieber konkret: Dunkle Wolken zogen auf. Die Luft roch nach Gewitter.

 

Atmosphäre ist keine Wetter-App.

Warum diese Verben problematisch sind

Weil sie alle dasselbe Prinzip verletzen:

 

  • Sie schieben die Handlung hinaus.
  • Sie besetzen die starke Verbposition.
  • Und sie klingen nach Handlung, ohne wirklich eine zu zeigen.

 

Oft dienen sie der Absicherung. Dem „Ich will noch nicht sagen, was wirklich passiert“. Aber guess what? Leser*innen merken das. Und sie fühlen sich verarscht.

 


 

Machen wir’s bildlich:

Diese Verben sind wie ein Roadie, der sich auf die Bühne stellt und sagt:

„Gleich kommt die Band. Sie macht sich bereit. Sie ist dabei, sich zu entscheiden, ob sie jetzt anfängt zu spielen…“

 

 

Und das Publikum so: BOOOH!

Fazit: Schluss mit Platzhaltern - her mit dem Stoff!

Verben wie anfangen zu, beginnen zu, dabei sein, etwas zu tun, sich entscheiden, versuchen, sich bemühen oder drohen zu sind keine Handlung – sie sind Ansagen, dass vielleicht gleich etwas passiert. Oder auch nicht. Wer so schreibt, steht mit dem Fuß auf der Bremse und wundert sich, warum der Text nicht in Fahrt kommt.

 

Und das Allerschlimmste: Diese schwachen Verben klauen den starken Verben die prominente Satzposition!

Da, wo’s kracht, steht dann sowas wie „begann“ oder „bemühte sich“. Und das eigentliche Power-Verb – „laufen“, „zittern“, „sagen“, „rennen“, „weinen“ – wird hinten im Nebensatz versteckt wie ein Teenager mit Bier auf der Party.

 

Also, nochmal ganz klar:

 

📌 Wenn zwei Verben in einem Satz stehen, gehört das Stärkere nach vorn.

 

📌 Schwache Ankündigungsverben wie „anfangen“ gehören in die Tonne – oder maximal in Ausnahmefälle mit Plan.

Praxistipp fürs Schreiben

🔍 Durchforste deinen Text gezielt nach diesen Formulierungen:

 

• anfangen zu

• beginnen zu

• dabei sein, etwas zu tun

• sich entscheiden / entschließen

• versuchen zu

• sich bemühen

• drohen zu

 

✂️ Überlege bei jedem Fund:

 

Was passiert wirklich? Was tut die Figur konkret? Schreib das.

 

🧠 Bonus-Level: Mach ein Spiel draus!

Nimm einen Absatz mit mindestens drei dieser Konstruktionen.

Schreib ihn um – ohne einen einzigen dieser Platzhalter.

 

Dann lies laut. Fühlt sich an wie ein Text mit Muskeln, oder?

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