
Stell dir vor, du bist eine Ameise in einer Welt voller Mammutbäume. Oder ein Riese in einer Stadt aus Zuckerwürfeln. Genau da steckt das Problem: Größenverhältnisse in erzählenden Kinderbüchern sind alles andere als eindeutig. Sie sind relativ.
Aber relativ zu wem eigentlich?
Wer entscheidet über groß oder klein?
Größe ist eine Frage der Perspektive.
Ein Zwerg ist winzig neben einem Menschen, aber ein Riese im Vergleich zu einem Bakterium mit Sonnenbrille.
Ein Kind mag sich klein fühlen neben Erwachsenen, aber groß gegenüber seiner kleinen Schwester oder einem Kuscheltier.
Und wie fühlt sich eigentlich eine Elfe in sich drin? Groß oder klein? Und wie ein Nashorn?
Ob eine Figur groß oder klein ist, nicht nur eine physische, sondern auch eine erzählerische Entscheidung, die du als Autorin triffst.
Stelle dir also die Frage, wenn du von einer kleinen Fee oder einem großen Bären erzählst: Was soll die große oder kleine Figur im Verhältnis zur Welt um sie herum ausdrücken?
Ist sie übermächtig oder verletzlich? Ist sie ein Außenseiter oder ein Held?
Kleine Riesen und gigantische Feen
Sobald die Größe einer Figur stark von der Norm abweicht, verändert sich die gesamte Erzählwelt.
Ein winziger Held wie "Alice im Wunderland" muss sich mit Möbeln, Tieren und Hindernissen auseinandersetzen, die plötzlich bedrohlich werden.
Ein Riese wie "Der BFG" (Big Friendly Giant) passt nicht mehr in die Welt der Menschen und wird zum Außenseiter.
Die Erzählperspektive muss sich anpassen: Wird die Welt aus der Sicht des Kleinen erzählt, erscheinen Alltagsgegenstände riesig und unüberwindbar. Sieht man die Welt aus der Sicht eines Riesen, ist alles zerbrechlich, leicht und winzig.
Und wie groß sind eigentlich die Lesenden?
Kinder identifizieren sich mit Größenverhältnissen intuitiv.
Sie sind es gewohnt, dass ihre Welt von großen Menschen, riesigen Möbeln und unüberwindbaren Hindernissen geprägt ist. Deshalb fühlen sie sich oft mit kleinen Figuren verbunden: Mäusen, Feen, sprechenden Insekten. Diese spiegeln das Gefühl wider, klein und verletzlich zu sein, aber trotzdem Abenteuer erleben zu können.
Das sind Figuren mit denen sich Kinder auf Augenhöhe fühlen. Was aber passiert, wenn du als Autorin nicht nur von einer Maus erzählst, sondern von einer kleinen Maus?
Ist die dann kleiner als die Maus, mit der sich ein Kind identifiziert? Oder einfach mäusegroß?
Gleichzeitig kann eine große Figur wie ein sanfter Riese oder ein starker Beschützer Geborgenheit vermitteln. Oder aber sie verstärkt das Gefühl des "Nicht-dazu-Gehörens" – je nachdem, wie sie erzählt wird.
Die Magie der relativen Größe
Größenverhältnisse sind ein mächtiges Werkzeug in der Kinderliteratur. Sie entscheiden, wie Figuren und Lesende die Welt erleben. Kleine Figuren machen Mut, weil sie zeigen, dass Größe nicht alles ist. Große Figuren vermitteln Staunen oder Isolation. Beides kann Kinder begeistern und berühren.
Praxistipp: Wenn du eine Geschichte schreibst, in der Größe eine Rolle spielt, frage dich: Welche Perspektive will ich vermitteln? Wie fühlt sich meine Figur in ihrer Umgebung? Ist sie überwältigt oder übermächtig? Und vor allem: Wie fühlt sich dein kleines oder großes Lesepublikum dabei? Größe ist nicht nur eine physische Eigenschaft – sie ist ein erzählerisches Statement!
Wie denkst du über Figuren im Kinderbuch?
Erinnerst du dich, welches Buch dich als Kind fasziniert hat? Wie groß waren darin die Figuren? Wie groß die Hauptfigur im Verhältnis zu dir und im Verhältnis zur Welt. Schreibe mir gerne deine Gedanken in die Kommentare!
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